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Der allein geborene Zwilling und seine Auswirkungen auf das gesamte Leben

Das Thema des "Verlorenen Zwillings" und die damit unweigerlich einher gehenden Schwierigkeiten im Erleben des Geborenen, des Überlebenden in vielen seiner Lebensbereiche gewinnt immer mehr an Bedeutung in der therapeutischen Arbeit.

Ich selbst bin so ein allein geborener Zwilling, ein überlebender Zwilling - und wusste nichts davon; wie die meisten der Betroffenen.

Angetrieben von einer Sehnsucht, einer steten Suche nach "da ist noch etwas", "etwas fehlt", "ich bin nur halb" hat mich mein

Weg auch zum Familienstellen geführt. Völlig ahnunslos stand ich also bei einer meiner Aufstellungen meinem Leben gegenüber und

konnte/wollte es, mein Leben, nicht wirklich annehmen.

Ein Gefühl, dass ich in meinem realen Leben sehr gut kannte: den Wunsch, sich weg zu träumen, woanders zu sein, oder auch das Gefühl zu haben, fremd zu sein, nicht dazu zu gehören..

Mein Lehrer/Therapeut sagte nur: "Du hattest einen Zwilling im Mutterleib. Er ist gestorben und Du hast überlebt".

 

Ja klar, dachte ich. Allein geborener Zwilling, so ein Blödsinn. Das müsste ich doch wissen. Ist wohl gerade modern, dieses Thema (denn "verlorene Zwillinge" zeigten sich immer wieder bei Aufstellungen in den Gruppen). Mein Verstand rebellierte ... das kann nicht sein ...

aber tief in mir sagte ein Stimme "Ja" dazu. Mein Herz wusste es und es war so voller Trauer, die endlich gesehen und gefühlt werden wollte. Viele meiner Lebensthemen konnte ich aus dem Blickwinkel des verlorenen Zwillings (in meinem Fall ein Bruder) plötzlich verstehen - es bekam alles einen Sinn. Endlich!

 

Ca. 20 % aller Schwangerschaften werden von der Natur als Zwillings- oder Mehrlingsgeburt angelegt - geboren aber werden deutlich weniger, nur 1 - 5 %. Der Verlust eines Zwillings ereignet sich meist sehr früh in den ersten Schwangerschaftswochen und bleibt oftmals unerkannt. Vielleicht gab es am Anfang Blutungen, aber die Schwangerschaft ging ja weiter, also alles gut. Vielleicht hätte man in der Plazenta des geborenen Kindes noch Spuren/Hinweise finden können, aber danach hat niemand gesucht. Vielleicht. Beweise gibt es nicht.


Der lebende Zwilling weiß also meist nichts davon, seinen Zwilling verloren zu haben - aber dieser frühe Verlust hinterläßt tiefe Spuren beim überlebenden Zwilling und systemisch betrachtet auch in der ganzen Familie.
Das zeigt sich in vielen Lebensbereichen: ausgeprägte Verlustängste, unerklärliche Schuldgefühle oder auch Wut, Beziehungsprobleme (Angst vor Nähe oder auch Klammern), Panik, Unfähigkeit, sich abzugrenzen, übersteigertes Verantwortungsgefühl, das Gefühl in der falschen Familie zu sein, emotionale Distanz zur Mutter, Todessehnsucht oder Sehnsucht nach der "anderen Seite" ist sehr vertraut, Schwierigkeiten im Beruf, immer auf der Suche sein bzw. nie richtig ankommen können ... Die Symptome können sehr vielfältig sein und sie treten nie alle gemeinsam auf - der Mensch ist anders, jeder überlebende Zwilling hat dieses Trauma anders abgespeichert, hat seine eigenen Themen...

 

Was Betroffene gemeinsam haben, ist diese sehr tiefe Wunde zu Beginn unseres Lebens, das Wissen darum auf unbewusster Ebene

und den Wunsch unsere Seele, diese Wunde zu heilen. Wenn Du diesen Blog also bis hierher gelesen hast, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass es auch Dich betrifft - mehr als Du im Moment ahnst. Dein Herz, Dein Unterbewusstsein weiß es!

 

Ich wünsche Dir alles Liebe auf Deinem Weg zu Dir selbst - damit Du ankommen kannst. Bei Dir selbst und in diesem Leben!

Du hast einen Platz in diesem Leben! Fühle es - durch den Schmerz hindurch.

Fühle den Frieden, der nach der Trauerverarbeitung kommt. Ich helfe Dir gerne dabei. Alles Liebe.